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Das Thema Geschlechtergerechtigkeit betrifft auch das Theater. Die Konferenz „Burning Issues“ beschäftigte sich am 11. März 2018 mit Arbeitsbedingungen für Frauen im Theater. Das große Interesse an der Veranstaltung zeigte sich bereits bei der Anmeldung, alle Plätze waren ausgebucht und es gab zudem eine Warteliste. An dem Treffen in Bonn nahmen insgesamt 350 Theaterfrauen teil – die Öffentlichkeit sowie Männer waren ausgeschlossen. Diesen Ausschluss begründeten die Initiatorinnen darin, dass sie den interessierten Frauen über diesen „safe space“ die Möglichkeit geben wollten, sich frei über eigene Erfahrungen zu äußern. Im Gespräch mit Deutschlandfunk meint Nicola Bramkamp, die Konferenz richte sich ganz klar nicht gegen Männer – denn Männer seien herzlich dazu eingeladen, die Forderungen der Frauen nach einer Geschlechtergerechtigkeit mit durchzusetzen. Die Thematik „Geschlechtergerechtigkeit“ betrifft jedoch die breite Öffentlichkeit (sowohl Frauen als auch Männer), was auch in der Berichterstattung um die Konferenz deutlich wird.

Das Thema Geschlechtergerechtigkeit trifft den Zahn der Zeit und ist doch längst überfällig. Obwohl es auf den ersten Blick so scheint, wird diese Debatte nicht erst seit den Diskussionen um #metoo, sondern bereits seit geraumer Zeit geführt. So erklärt Nicola Bramkamp gegenüber Deutschlandfunk, dass es bereits seit über 20 Jahren konkrete Forderungen gebe, die Umsetzung aber äußerst langsam vorangehe.

Eine faire Bezahlung von Männern und Frauen wurde in den vergangenen Wochen oftmals in den Medien diskutiert, beispielsweise am Tag der Frau (8. März 2018) und am sogenannten equal pay day (18. März 2018, #epd2018). Dass es aber nicht nur an diesen Tagen unsere Gesellschaft betrifft und, dass sich hier etwas ändern sollte wird beispielsweise anhand des Lohntransparenzgesetzes deutlich, das seit dem 6. Januar 2018 in Kraft getreten ist. Für Arbeitnehmer*innen in kleinen und mittleren Unternehmen bringt das Gesetz allerdings wenig, denn nur Betriebe mit mindestens 200 Angestellten sind verpflichtet, die eingeforderten Auskünfte zu geben. Auch die Organisation „art but fair“ beschäftigt sich mit dieser Thematik. Die internationale Bewegung besteht aus drei gemeinnützigen Vereinen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und ist seit 2013 aktiv.

Obwohl oftmals die Frage nach einer fairen Bezahlung von Frauen und Männern in gleichen Positionen im Mittelpunkt der Gespräche steht, ist dies nicht der einzige Aspekt: Aktuell werden beispielsweise über 70 % der Regiearbeiten von Männern durchgeführt, eine durchaus beachtliche Zahl. Zudem sind lediglich 20 % der Intendanzen von Frauen besetzt.

Aktuelle Situation

Sollte es eine gezielte Frauenförderung geben? Braucht die Theaterbranche eine Quote für die Bühne? Welche Frauenbilder werden auf der Bühne vermittelt und was sagt das eigentlich aus? Was können die Theaterfrauen selbst tun, um die aktuelle Situation zu verändern?

Als „krasse neoliberale Strukturen“ bezeichnet Nicola Bramkamp die aktuelle Situation in der Theaterbranche. Lisa Jopt erzählt im Interview mit WDR 3 Resonanzen, dass nicht nur die bereits erwähnte Aufteilung in den Bereichen Regie und Intendanz sowie die Gender Pay Gap hervorzuheben seien, sondern auch die Beobachtung, dass es in Ensembles mehr Männer als Frauen gebe. Ein weiterer Punkt, der in der Berichterstattung angesprochen wurde, sind die dargestellten Frauenbilder auf der Bühne. Die Hauptrollen sind in einer Vielzahl von Stücken männlich besetzt, was wohl auch der Literatur geschuldet ist. Wenig streitbare Frauen und Herrscherinnen werden dargestellt, dafür gebe es zahllose Fräuleins, Geliebte, Mütter und gebrochene Frauen.

Dass sich die Branche aber auch im Wandel befindet, wurde in den Interviews ebenso deutlich. So erwähnt Lisa Jopt, dass es eine neue Generation an Theatermacher*innen gebe, die ein Interesse an Transparenz und Teilhabe hat. Einen bedeutenden Schritt in diese Richtung stellte auch die Konferenz „Burning Issues“ dar.

Was wollen die Initiatorinnen mit „Burning Issues“ erreichen?

Die Initiatorinnen wollen mit der Konferenz vor allem für das Thema Geschlechtergerechtigkeit an Theatern sensibilisieren. Sie wollen ein Bewusstsein schaffen, das durch Debatten und Vereinsgründungen vorangetrieben werden kann, so Jopt im Gespräch mit dem WDR. Dieses Bewusstsein könne den Theaterfrauen unter anderem bei Gehaltsverhandlungen helfen.

„Burning Issues“ richtete sich an alle Theatermacherinnen, also nicht nur an Führungskräfte, sondern an Akteurinnen in allen Bereichen des Theaters. Durch das Treffen sollte der Austausch von Erfahrungen und die Vernetzung innerhalb der Branche gefördert werden. Lisa Jopt meinte im Interview mit WDR 3 Resonanzen, dass die Veranstaltung der Start für ein Frauennetzwerk in der Theaterbranche sein könnte. Neben der Vernetzung war es auch wichtig, Ziele zu formulieren und sich deutlich für Gleichberechtigung einzusetzen. Derzeit männlich dominierte Strukturen sollen aufgebrochen werden. Diese Strukturen seien kein privates Problem, sondern ein strukturelles. Anja Reinhardt interviewte Nicola Bramkamp nach der Konferenz und fasste das Ziel so zusammen: „es geht darum, Strukturen zu untersuchen und zu schauen, wo man was ändern kann“.

Ergebnisse

Laut Nicola Bramkamp verstoßen die Verhältnisse an Theatern teilweise sogar gegen das Grundgesetz, was die Gleichheit von Männern und Frauen betrifft. Die anfangs erwähnte Gender Pay Gap gilt es zu schließen. Bramkamp erwähnt auch, dass laut einer Studie aus dem Jahr 2009 hervorgeht, dass Deutschland bezüglich fairer Bezahlung im Kulturbereich das Schlusslicht in Europa bildet. Es gilt Missstände aufzuzeigen, die Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren und die Theatermacherinnen zu ermutigen bei Gehaltsverhandlungen selbstbewusster aufzutreten. Prekäre Arbeitsverhältnisse sind Künstler*innen nicht fremd, hier sollte darauf geachtet werden, dass das Arbeitsschutzgesetz eingehalten wird. Dies betrifft nicht nur die Künstler*innen selber, sondern vor allem deren Arbeitgeber*innen.

In einem Interview im Vorfeld der Veranstaltung meinte Lisa Jopt, dass Strukturen, die Machtmissbrauch begünstigen möglicherweise durch eine Gewerkschaft geändert werden könnten. Der Verein Pro Quote Bühne fordert zudem, dass in allen Positionen je 50 % Frauen und Männer sein sollen.

Es bleibt eine klare Forderung an die Theatermacherinnen: Sie müssen aktiv werden. Im Filmbeitrag von Westart heißt es, dass es für einen Wandel starke, vielschichtige Frauen braucht, die selbstbestimmt handeln. Dies gelte für alle Theaterfrauen, sowohl auf, als auch hinter der Bühne.

Ausblick

Geschlechtergerechtigkeit, Frauen im Kulturbetrieb, etc. soll auch in weiteren Blogbeiträgen behandelt werden. Wir wollen an dieser Stelle auch Publikationen vorstellen, die sich mit diesen Themen beschäftigen. Haben Sie bereits Erfahrungen gemacht, die Sie mit uns teilen wollen? Wollen Sie Ihre Meinung zu „Burning Issues“, zur Geschlechtergerechtigkeit am Theater oder im Kulturbetrieb mitteilen? Wir freuen uns über Ihre Kommentare und Hinweise.

Zum Nachsehen, Nachlesen oder Nachhören:

Westart, Bericht über „Burning Issues“ mit Nicola Bramkamp (Schauspieldirektorin Initiatorin „Burning Issues“, Bonn), Autorin: Cordula Echterhoff, Beitrag vom 05.03.2018: http://www.ardmediathek.de/tv/Westart/Burning-Issues-Theatermacherinnen-dis/WDR-Fernsehen/Video?bcastId=45518828&documentId=50602110

WDR 3 Resonanzen, Interview mit Lisa Jopt (Schauspielerin und Initiatorin von „Burning Issues“ in Bonn), Beitrag vom 07.03.2018: https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-resonanzen/audio-konferenz-burning-issues-100.html

Deutschlandfunk, Sonja Anders (Dramaturgin am Deutschen Theater Berlin, ab Spielzeit 2019/20 Intendantin am Schauspiel Hannover) im Gespräch mit Susanne Burkhardt, Beitrag vom 10.03.2018: http://www.deutschlandfunkkultur.de/erstes-treffen-der-theatermacherinnen-in-bonn-es-gibt-einen.2159.de.html?dram:article_id=412703

Deutschlandfunk, Nicola Bramkamp (Schauspieldirektorin und Initiatorin von „Burning Issues“) im Gespräch mit Anja Reinhardt, Beitrag vom 12.03.2018; Ergebnisse „Burning Issues“: http://www.deutschlandfunk.de/geschlechtergerechtigkeit-am-theater-krasse-neoliberale.691.de.html?dram:article_id=412792

Bericht über die Ergebnisse der Konferenz auf der Plattform Nachtkritik.de: https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=15134:theatermacherinnen-tagen-in-bonn&catid=126:meldungen-k&Itemid=100089

Faire Bezahlung – Lohntransparenzgesetz: http://www.zeit.de/arbeit/2018-03/lohntransparenzgesetz-equal-pay-day-gehalt-kollegen-verantwortung-unternehmen

Lohntransparenzgesetz: https://www.bund-verlag.de/aktuelles~bundestag-verabschiedet-lohntransparenz-gesetz~

Equal pay day: http://www.equalpayday.de/startseite/

Art but fair (internationale Bewegung für faire Arbeitsbedingungen und angemessene Gagen in den Darstellenden Künsten und Musik): http://artbutfair.org/

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